„Wir wollen Uris Vergangenheit ein Gesicht geben“

Film: „Uri im Wandel“ soll im Sommer Premiere feiern

Ein Film, der den Alltag und Wandel in Uri des 20. Jahrhunderts zeigt: Nach zwei Jahren mühevoller Arbeit haben Reto lndergand und Martin Wabel ihr Ziel fast erreicht – wenn auch auf Umwegen.


Simon Gisler
In den letzten Jahren kamen immer wieder Filme von Umern oder mit Uri-Bezug ins Kino. 2015 wurde «Danioth – der Teufelsmaler» von Felice Zenani uraufgeführt. 2016 begeisterten Georg und Othmar Walker aus Gurtnellen mit ihrem Dokumentarfilm «Stei – Wild» das Publikum. Und im vergangenen Jahr brachte Thea Stich mit «Im Banne des Föhns» den «ältesten Urners auf die Kinoleinwand. Für Ende Juni ist mit «Uri im Wandel» die Premiere des nächsten . Uri-Films geplant.
Der Film ist ein Werk des Erstfelders Reto Indergand (40) und des Schaffhausers Martin Wabel (35), der seit vier Jahren in Andermatt lebt. Die beiden haben sich zum Ziel gesetzt, einen 50-minütigen Film zu produzieren, der die Veränderungen im Urnerland im 20. Jahrhundert zeigt – so weit wie möglich anhand von noch nie veröffentlichten Privataufnahmen. Interviews mit Zeitzeugen sollen den damaligen Alltag zudem etwas greifbarer machen.
Mit ihrem Projekt, das aus dem Ideenwettbewerb zum 100-Jahr-Jubiläum der Urner Kantonalbank im Jahr 2015 hervorgegangen ist, wollen Reto Indergand und Martin Wabel einen Beitrag an das kollektive Gedächtnis leisten und gleichzeitig verhindern, dass privates Filmmaterial van historischem Wert verloren geht. Um an das für ihren Film benötigte Material zu gelangen, haben die beiden vor knapp zwei Jahren einen öffentlichen Aufruf gestartet (UW vom 30. März 2016).

30 Stunden Filmmaterial
Mehr als 20 Personen haben sich daraufhin bei ihnen gemeldet. «Von einigen haben wir eine Filmrolle erhalten, von anderen bis zu 30. Einige Aufnahmen sind in Schwarz-Weiss, etliche aber auch in Farbe», erzählt Reto Indergand, der in Erstfeld eine Produktionsfirma betreibt. «Insgesamt haben wir über 80 Filme mit einer Gesamtlänge von rund 30 Stunden digitalisiert, gesichtet und verschlagwortet.» Eine extrem zeitintensive Arbeit, die nicht das erhoffte Resultat brachte. Zwar kamen vereinzelt spannende Szenen zum Vorschein – etwa von der alten Axenstrasse, von Bergtouren oder dem Rückbau der Tramschienen in Altdorf im Jahr 1951. Insgesamt aber erwies sich das eingereichte Filmmaterial als zu wenig ergiebig und zu eintönig. «Mit den unzähligen Hochzeitsaufnahmen und Fasnachtsimpressionen hätten wir problemlos mehrere Filme machen können», sagt Martin Wabel lachend. «Aber der Kanton Uri besteht ja auch noch aus anderem.» Ein weiteres Problem: Die Qualität der Filme, die allesamt vor 1980 gedreht wurden, genügte modernen Ansprüchen häufig nicht. Viele Aufnahmen waren unscharf oder verwackelt.

Der Zufall hilft mit
Reto Indergand und Martin Wabwl blieb so nichts anderes übrig, als ihr Konzept anzupassen und die Suche nach Bildmaterial auf bestehende Archive wie das Staatsarchiv Uri und das Archiv des Schweizer Fernsehens in Zürich auszuweiten. «Wir haben auch alle Urner Gemeinden angeschrieben, doch mit sehr wenig Erfolg», sagt Reto Indergand. Zumindest half ihnen der Zufall. Ein 87-jähriger UW-Abonnent aus Fällanden bei Uster las den Artikel über ihr Filmprojekt im «Urner Wochenblatt» vom März 2016 und kontaktierte sie. Ruedi Lange, so sein Name, reiste in seiner Kindheit regelmässig ins Maderanertal und nach Golzern. «Von ihm haben wir sensationelles Bildmaterial aus den 1960er-Jahren erhalten», erzählt Reto Indergand. Es sei zum jetzigen Zeitpunkt aber schwierig abzuschätzen, welches Quellenmaterial schlussendlich wie viel Platz im Film einnehmen werde, erklärt Martin Wabel. «Aktuell sind wir beim Schnitt in einer heissen Phase, in der viele Entscheidungen gefällt werden müssen. Erfahrungsgemäss wird letztlich noch so manches umgestellt.»
Da sie weniger brauchbares Privatmaterial erhielten als erhofft, mussten die beiden Filmemacher auch ihre Vorgehensweise ändern – was sie in ihrem Zeitplan ein halbes Jahr zurückwarf. Sie hätten den zeitliehen Aufwand sicherlich etwas unterschätzt, räumt Martin Wabel ein. «Ein solches Projekt ähnelt einem Mosaik. Erst nach langer Vorarbeit und richtig zusammengefügt, ergeben die vielen Einzelstücke ein stimmiges Bild. Da braucht es Durchhaltevermögen und Geduld.» Sie hätten gehofft, dass sich der thematische Aufbau des Films durch das eingereichte Privatmaterial quasi von selbst ergeben würde, so der 35-Jährige. «Bei der Sichtung des Materials hat sich dann aber kein Thema aufgedrängt. Aus diesem Grund entschieden wir uns, zuerst mit Zeitzeugen zu reden.» Ein Entscheid, der sich auszahlen sollte. «Durch die Gespräche mit den Zeitzeugen kamen wir mit unserem Filmprojekt endlich voran», resümiert Reto Indergand. «Wir haben dadurch nicht nur einen Eindruck von der damaligen Zeit erhalten, der rückblickend extrem wertvoll war, sondern wussten danach auch, wie wir unseren Film thematisch gliedern wollten.»

Interviews im Altersheim
Die ersten Zeitzeugen für ihren Film fanden die beiden Selbständigerwerbenden im Schattdorfer «Rüttigarten» und im «Spannort» in Erstfeld. Bei der Suche nach geeigneten Gesprächspartnern wurden sie von der jeweiligen Heimleitung unterstützt. Bislang haben sie zehn Personen im Alter von 75 bis 97 Jahren nach einem genau definierten Fragekatalog vor der Kamera interviewt. Bei den Zeitzeugen handelt es sich um Männer und Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Gemeinden. Sowohl das Urner Unterland als auch das Oberland sind vertreten. «Die Personen mussten geistig fit sein, über sich und ihr Leben erzählen wollen und verständlich sprechen können», erläutert Martin Wabel die Kriterien für die Auswahl der Interviewpartner. Die teils Hochbetagten hätten ihre Sache hervorragend gemacht. «Das hatte sicher auch damit zu tun, dass sie vom Pflegepersonal der beiden Altersheime bestens auf ihren Auftritt vor der Kamera vorbereitet wurden.»

Weiterhin Filmmaterial gesucht
Rund 15 Stunden Gesprächsmaterial sind auf diese Weise zusammengekommen. Die spannendsten Sequenzen daraus haben Reto Indergand und Martin Weibel inzwischen geschnitten und in die fünf Themenbereiche «Alltag und Konsum», «Schule und Beruf», «Wirtschaft», «Mobilität» und «Freizeit» aufgeteilt. Sobald die Rohversion ihres Films fertig ist, wollen sie ganz gezielt noch weitere Zeitzeugen befragen, um so Antworten auf ihre letzten offenen Fragen zu erhalten. «Wir brauchen auf jeden Fall noch eine Person, die im Schächenwald gearbeitet hat, sagt Reto Indergand. Die Suche nach Filmmaterial haben die beiden ebenfalls noch nicht ganz abgeschlossen. «Wir sind nach wie vor an privatem Material interessiert, weil im Film noch Lücken bestehen und nicht alle der bislang verwendeten Aufnahmen inhaltlich das Gewünschte aufzeigen.»
Neben Pensionären werden in «Uri im Wandel» auch Urner Historiker und andere Fachleute zu Wort kommen. «Die Experten ergänzen die Erzählungen aus dem Alltag mit interessanten Fakten und Informationen», erklärt Martin Wabel. «Sie helfen uns auch, gewisse Aufnahmen zu datieren und einige Aussagen unserer Zeitzeugen zu verifizieren. Ohne die Unterstützung dieser Experten könnten wir unseren Film in dieser Form nicht realisieren.»

Das Drehbuch steht
Mit ihrem Film möchten Reto Indergand und Martin Wabel die Zuschauer gut unterhalten. Dabei sollen nicht historische Daten, sondern Erzählungen im Vordergrund stehen. Anspruch auf thematische Vollständigkeit erheben sie nicht. «Wir wollen Uris jüngerer Vergangenheit ein Gesicht geben», betonen die beiden. «Wenn unser Film bei der älteren Generation Erinnerungen an früher weckt und die Jungen ermuntert, bei ihren Grosseltern nachzufragen, wie es damals war, dann haben wir unser Ziel erreicht.»
Noch sind sie von diesem Ziel ein gutes Stück entfernt. Bis zur Premiere Ende Juni haben die beiden Filmemacher noch allerhand zu erledigen. Unter anderem müssen sie für einige Szenen noch Bildmaterial finden, das mit den Aussagen der Zeitzeugen korrespondiert. «Inhaltlich sind wir aber schon recht weit, die Timeline und das Drehbuch stehen», betont Reto Indergand. «Was noch fehlt, sind die Expertenmeinungen. Die müssen wir noch filmen und einbauen. Danach folgt der letzte Schliff.» Den Humor haben die beiden trotz zwischenzeitlichen Zweifeln nie verloren. «Ein solch umfangreiches Filmprojekt hat oft unbekannte Seiten und abenteuerliche Züge», sagt Martin Wabel lachend, «ansonsten ist es kein richtiges Filmprojekt.»

Mehr Infos zum Filmprojekt von Reto Indergand und Martin Wabel finden sich unter www.uriimwandel.ch.

Urner Wochenblatt, SSamstag, 20. Januar 2018

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