Die Schweiz plant und China baut

Die Wintersportgebiete Laax und Verbier beteiligen sich mit viel Know-how am Aufbau der Stätten für die Olympischen Spiele 2022. Obwohl die Vergabe der Wettkämpfe an Peking gerade im Westen heftig kritisiert wurde. Sie erhoffen sich so einen Zugang zum lukrativen chinesischen Tourismus.

Noch dauert die Reise eine kleine Ewigkeit, dreieinhalb Stunden mit dem Auto, fünfeinhalb Stunden mit Zug und Bus, aber wenn der Bau des  Hochgeschwindigkeitszugs dann einmal abgeschlossen und die Verbindung in Betrieb genommen worden ist, benötigt man nicht einmal mehr eine Stunde. Voraussichtlich 2018 ist’s so weit. In weniger als einer Stunde gelangt man dann von Peking nach Laax. Nicht von Peking, der Hauptstadt Chinas, nach Laax, dem Dorf in den Bündner Bergen.
Aber von Peking, der Hauptstadt Chinas, nach Laax, dem Wintersportgebiet etwas ausserhalb von Zhangjiakou, einer Millionenstadt in der chinesischen Provinz Hebei. Dort, im Wintersportgebiet «Secret Garden », entsteht gerade ein zweites Wintersportgebiet. Es ist eine ziemlich exakte Kopie dessen, was das Wintersportgebiet Laax, also jenes in den Bündner Bergen, einmalig macht. Eine Kopie, die zwei- bis dreimal so gross wie das Original ist. Es entstehen eine zwei- bis dreimal so grosse Kopie der Laaxer «Freestyle Academy», eines Indoor-Spielplatzes für Snowboarder, Skateboarder, Freestyle-Skifahrer und Biker, und eine zwei- bis dreimal so grosse Kopie des Laaxer «Riders Palace», eines Party-Hotels mit integriertem Klub und Playstationauf den Zimmern. Es entsteht eine Hotel- und Appartement-Landschaft, die auf den Plänen des Laaxer «Rocks Resort» basiert, eines architektonischen Wurfes, wie er in Wintersportgebieten selten ist. Schliesslich entstehen eine Halfpipe und ein Slopestyle-Parcours, und auch deren Konstruktion orientiert sich an den Laaxer Vorbildern.

Reto Gurtner

China entdeckt den Wintersport
Kurzum: China baut ein zweites Laax. Und wenn alles so kommt, wie es sich Reto Gurtner wünscht, der Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident
des Schweizer Originals, wird die chinesische Kopie zum Beispiel «Laax Village» oder «Secret Garden – presented by Laax» heissen. Und dann, wenn auch der Hochgeschwindigkeitszug noch fährt, liegt zwischen Peking und Laax tatsächlich weniger als eine Stunde.
Weniger als eine Stunde für potenziell mehr als 20 Millionen Kundinnen und Kunden, so viele Einwohnerinnen und Einwohner hat der Grossraum Peking. Mehr als 20 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, die gerade den Wintersport für sich entdecken (vgl. Interview). Und die in sieben Jahren, wenn die Olympischen Winterspiele in Peking stattfinden, den Wintersport aller Voraussicht nach erst recht für sich entdecken werden. Den Wintersport – und Laax. Denn die Spiele 2022 werden nicht wirklich in Peking stattfinden, Peking ist nur die sogenannte host City. Die  Spiele werden hauptsächlich ausserhalb Pekings stattfinden, in den zurzeit noch bis zu fünfeinhalb Stunden entfernten Bergen, die Freestyle- Wettbewerbe im sogenannten Cluster Zhangjiakou, einem Aussenposten.  Also in «Secret Garden». Also eigentlich in Laax.
Wenn die Winterspiele 2022 nicht nach Graubünden kommen, wie es die Tourismus und Sport-Organisationen angedacht hatten, wie es vom Stimmvolk 2013 aber abgeschmettert wurde – dann kommt Graubünden halt zu den Winterspielen: Etwa so könnte man den Vorgang zusammenfassen. Nur dass die Winterspiele 2022 in Graubünden eher eine Reduktion beispielsweise der protzigen Winterspiele 2014 in Sotschi gewesen wären, eine Antithese zum Trend, gewissermassen eine Rückkehr zu den Wurzeln, und dass die Winterspiele 2022 in Peking, «Secret Garden», Laax, so ziemlich das Gegenteil davon sind. Wo nichts ist, kann auf nichts Bestehendem aufgebaut werden. Innerhalb weniger Monate wird nun alles aus dem Boden gestampft, und schon nächsten Winter soll die chinesische Kopie des Schweizer Originals stehen.
Als Reto Gurtner im Herbst 2013 den Kooperationsvertrag mit den Verantwortlichen von «Secret Garden» unterzeichnete, stand noch gar nicht fest, dass Peking für Olympia kandidieren, geschweige denn, dass es die Kandidatur mit «Secret Garden» als einem der Cluster planen würde. Bauherr von «Secret Garden» ist das malaysische Konglomerat Genting, das hauptsächlich in den Bereichen Tourismus und Glücksspiel tätig ist und weltweit fast  60 000 Angestellte beschäftigt. Es hatte sich in der Schweiz nach Wintersport- Experten umgeschaut, die beim Aufbau von «Secret Garden» mithelfen würden. Die Suche begann in Davos und verlief zunächst harzig – bis ein Cousin Gurtners, der in Davos arbeitet, davon erfuhr und den Genting-Gesandten von Gurtner und Laax erzählte. Und heute, zwei Jahre später, macht die milliardenschwere Besitzerfamilie von Genting Winterferien in Laax, und Gurtner und seine Mitarbeiter reisen regelmässig nach Zhangjiakou. Einmal mit Plänen für die «Freestyle Academy», das «Riders Palace» und das «Rocks Resort» im Gepäck, ein andermal nur mit Tipps. Welchen Shaper man für die Arbeit an der Halfpipe am besten einstelle; welcher Hang sich für den Slopestyle-Parcours eigne; oder dass es wegen der vielen Anfänger unter den chinesischen Wintersport-Touristen weniger schwarze und mehr blaue Pisten benötige.
Er habe auch etwas Glück gehabt, sagt Gurtner. Denn nun, da Peking den Zuschlag für die Winterspiele erhalten hat, drängen auch andere westliche Wintersportgebiete auf den chinesischen Markt, darunter solche aus Italien, Deutschland und Österreich, die zusätzlich zu dem Know-how, das sie anbieten, auch gleich die Hersteller von Pistenfahrzeugen, Schneekanonen, Skiliften zu vermitteln versuchen, selbstredend jene aus dem eigenen Land, Leitner, Kässbohrer, Doppelmayr.

Der Wintersport-Tourismus darbt
Die Gebiete eint, dass sie China aus einer Not heraus zum Zukunftsmarkt erkoren haben. Die Branche darbt, in der Schweiz ganz besonders, auch wegen des starken Frankens. In nur zehn Jahren ist die Anzahl der Tage, die pro Jahr in Schweizer Wintersportgebieten zugebracht werden, um einen Viertel zurückgegangen, von 32 auf 24 Millionen.
Kein Wunder, dass auch Eric Balet besorgt ist, der Vizepräsident der Vereinigung der Schweizer Seilbahnen und Chef von Televerbier, der Betreibergesellschaft von Verbier- 4-Vallées. Balet ist nicht der Typ, der unnötig Hiobsbotschaften verbreitet, aber auch er erachtet den Impuls, den man sich vom chinesischen Markt für den Schweizer Wintersport- Tourismus erhofft, als dringend nötig. Und darum will er es Gurtner und Laax gleichtun. Er ist noch nicht so weit wie Gurtner, aber weiter als andere, und wie Gurtner erhielt er eher durch Zufall die Chance, sich im chinesischen Markt zu etablieren.
Das kam so: Letzten Frühling, wenige Monate vor der Vergabe der Winterspiele 2022, brach in China Nervosität aus. Man fürchtete, das Rennen um die Austragung an die Kasachen zu verlieren. Deren Bewerber Almaty konnte im Gegensatz zu Peking eine gewisse Schneesicherheit garantieren. Liu Yandong, als Vizepremierministerin die mächtigste Frau Chinas und zuständig auch für den Sport, brauchte jemanden vom Fach, der die von China vorgeschlagenen Wintersportgebiete auf ihre Wettkampftauglichkeit prüfte. Der Mitarbeiter, den sie mit der Suche nach Experten beauftragte, hatte einst Ferien in Verbier gemacht. Also reiste Liu Yandong nach Verbier und bat Balet um Unterstützung. Balet stellte kurzerhand ein Team zusammen, reiste Liu Yandong nach China hinterher, besichtigte den für die Skirennen vorgesehenen Cluster Yanqing – und erstellte einen Bericht zuhanden des Internationalen Olympischen Komitees (IOK). Darin stand, dass zu wenig Naturschnee falle, um Wettkämpfe garantieren zu können, dass die Luft aber kalt und trocken genug sei, um ausreichend Kunstschnee zu produzieren. Und darin stand auch, dass man gerne beim Aufbau behilflich wäre. Um seine Erfahrung mit Wintersportgebieten zu betonen, machte Balet bereits erste Vorschläge. Zum Beispiel riet er den Chinesen, die Pisten trotz der relativ niedrigen Lage nicht wie geplant nur bis zur Mittel-, sondern bis zur Talstation zu bauen, damit die Bahn am Abend, wenn alle Gäste gleichzeitig vom Berg hinunterwollten, nicht der einzige Weg ins Tal sei.
Die Schweizer planen, und die Chinesen bauen. So läuft das jetzt im Weltsport. Denn all das, was die Menschen im Westen an den Olympischen Spielen zunehmend abstösst, die exorbitanten Kosten, die generelle Skepsis gegenüber Sportverbänden, der Gigantismus: All das ist in China kein Problem. In China nicht und auch in Russland, Katar, Aserbaidschan nicht. Und mit den Vergaben der Olympischen Spiele 2014 und 2022, der Fussball- WM 2018 und 2022 und der European Games 2015 und voraussichtlich 2019 an ebendiese Länder, an Länder, in denen autoritäre Regimes herrschen oder Menschenrechte nicht eingehalten oder Journalisten verfolgt werden oder alles zusammen – mit diesen Vergaben also ist die Skepsis im Westen gegenüber Sportverbänden noch einmal grösser geworden. Das zeigt gerade wieder die Suche nach einem Ausrichter für die Sommerspiele 2024. Zwar sind beim IOK bis jetzt ausschliesslich Bewerbungen aus den USA und Europa eingegangen, aber es haben sich eben auch aussichtsreiche Bewerber aus den USA und Europa zurückgezogen. In Boston zum Beispiel fürchtete man die Kosten, und in Hamburg hatte die Bevölkerung keine Lust.
Die Kritik, die sich der Westen den Sportverbänden und deren Vergabepraxis gegenüber leistet, und die moralische Überlegenheit, die man sich im Westen gönnt – beides aber verstummt, kaum dass Geschäfte locken. Unter den Firmen, die in Katar Fussballstadien hochziehen, befinden sich mehrere deutsche. Das Architekturbüro, das für die Sommerspiele 2008 in Peking das ikonische Stadion «Bird’s Nest» konstruierte, war mit Herzog & de Meuron ein schweizerisches. Aus Österreich reisten 2008 eine Wirtschaftsdelegation und Vertreter von 60 Firmen nach Sotschi, und am Ende halfen 50 österreichische Firmen beim Aufbau der Stätten für die Winterspiele 2014 mit und erwirtschafteten einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.
Und jetzt eben die Winterspiele 2022. Um daran und vor allem an der Entwicklung des chinesischen Markts teilzuhaben, nehmen Gurtner und Balet auch in Kauf, einem Sportanlass zuzudienen, von dem selbst der eine oder andere IOK-Funktionär findet, dass er nicht nach China hätte vergeben werden dürfen. Des Smogs wegen, der in Peking den Winter durch besonders schlimm ist und Grenzwerte bis zum Zehnfachen übersteigt; des Schnee- mangels und der irrwitzigen Bauwut wegen; und vielleicht auch der Bedenken hinsichtlich der Menschenrechte wegen. Man kann mit Balet und Gurtner ziemlich lange über Moral und Ethik diskutieren, es ist ja nicht so, dass sie darüber noch nie nachgedacht hätten. Gurtner sagt: «Wer sind wir, dass wir meinen, uns über andere stellen zu können? » Und Balet sagt: «Wenn wir unser Wissen einbringen, erreichen wir mehr, als wenn wir gar nichts tun.» Aber beide machen eben auch kein Hehl daraus, dass das Geschäft Vorrang hat. Gurtner sagt: «Es geht um unsere Zukunft. » Und Balet sagt: «Wir müssen auch ein bisschen an uns denken.»

Keine Häuser, keine Strassen, nichts
Noch hat Balet keine Zusage aus Peking, denn das Organisationskomitee für die Winterspiele nimmt seine Arbeit erst auf, und in Yanqing steht noch weniger als in Zhangjiakou, nämlich gar nichts. Aber sosehr Balet es vermeiden will, sich zu früh zu freuen: Die Zeichen, die er bekommt, deutet er als tendenziell positiv, letzte Woche hat er wieder einen Brief des chinesischen Botschafters in der Schweiz erhalten. Auf seinem Laptop zeigt Balet ein Bild, wie das Gebiet aussah, als er es diesen Sommer besuchte, «wie ein Urwald», sagt er. Ein Tal, ein paar Berge, lauter dicht stehende Bäume. Noch sind nicht einmal Schneisen für die Pisten gefräst worden, auch Häuser gibt’s
nicht, eine Strasse ebenso wenig.
Ein Wintersportgebiet auf dem Reissbrett zeichnen – das reizt Balet. Und sicher hat er recht, wenn er sagt, dass bei der Planung der Wintersportgebiete in China ja nicht die Fehler wiederholt werden müssten, die beim Aufbau
der Wintersportgebiete in den Alpen gemacht worden seien, zu schmale Pisten, zu enge Anfahrtsstrassen, zu wenige Betten. Aber der wichtigste Grund für sein Engagement bleibt die Marke Verbier. Und die Hoffnung,
dass sich Chinesinnen und Chinesen für Wintersport zu begeistern beginnen und die Wohlhabenden unter ihnen sich dereinst nicht mehr mit der Kopie zufriedengeben, sondern das Original sehen und in der Schweiz nicht mehr nur Uhren kaufen und durch die Berner Altstadt schlendern, sondern auch snowboarden und Ski fahren wollen. So gesehen, ist die Aufbauhilfe in China auch Entwicklungshilfe für den Schweizer Tourismus.

Benno
Der Schweizer Benno Nager, 59-jährig, ist Experte für Wintersportgebiete.
Sie arbeiten seit diesem Sommer als Chief Operation Officer des Wintersportgebiets «Secret Garden», in dem die
Freestyle-Wettkämpfe der Winterspiele 2022 stattfinden werden. Wie wollen Sie die Chinesen von den Reizen des Wintersports überzeugen?
Das muss ich gar nicht. Das macht schon die Regierung.

Inwiefern?
Die Regierung hat entschieden, dass Skifahren künftig in den Schulen unterrichtet werden soll, quasi als Pflichtfach. Aber Sie würden staunen, wenn Sie sähen, wie die hier jetzt schon Ski fahren. In der Gegend um Zhangjiakou gibt es seit Jahren Skischulen. Das sind natürlich Ausnahmen. Wichtig ist, dass wir viele breite, flache Pisten bauen, damit die Anfänger schnell Erfolgserlebnisse haben.

Gibt es genug Skilehrer?
Nein. Wir holen Schweizer Skilehrer, und die bilden unter dem Banner des Verbands Swiss Ski Chinesen zu Skilehrern aus. Es ist unglaublich, mit welcher Qualität und Effizienz die Chinesen Skigebiete bauen, es geht so schnell, allein in den Wintersportgebieten von Zhangjiakou entstehen in den nächsten Jahren hundert Lifte.
Sehr eindrücklich. Aber in technischen Belangen haben die Chinesen noch kaum Erfahrung. Skischulen, Beschneiung, Pistensicherung, Pistenpräparation – das sind dann eben Bereiche, für die wir Spezialisten aus Europa, den USA, Neuseeland einfliegen.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich Chinesinnen und Chinesen auf lange Sicht wirklich vom Wintersport begeistern lassen?
Mich dünkt, es sei hier ein bisschen wie in den 1970er Jahren in Europa oder in den 1980er Jahren in den USA. «Alles fährt Ski» – dieser Trend wird kommen. Es gibt ja auch gute Gründe. Ich habe zuletzt dreissig Jahre in Wintersportgebieten in den USA gearbeitet, und die Hügelketten um Zhangjiakou erinnern mich an die Rocky Mountains in Utah und Colorado. Es ist wunderschön.
Interview: Christof Gertsch

Mit freundlicher Genehmigung der NZZ am Sonntag, 20. Dezember 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

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