Wir machen aus Andermatt eine Golfdestination

Das Urner Alpendorf Andermatt wird derzeit radikal umgebaut. Im Zentrum des neuen Tourismuskonzepts soll die Bergwelt in ihrer ursprünglichen Form stehen und nicht etwa Pelzmäntel, Cüpli-Ambiente und Promipartys. Wieso der Wandel nicht reibungslos vonstattengeht, und welche Widerstände am meisten zu schaffen machen, sagt Bernhard Russi, Verwaltungsrat von Andermatt Swiss Alps, im Interview mit der Anlegerplattform Leodan.ch.

Frage: Herr Russi, kaum eine Woche vergeht, ohne dass Andermatt Swiss Alps, die Firma, die den Umbau von Andermatt vorantreibt, oder ihr Präsident Samih Sawiris für Schlagzeilen sorgen. «Die Götterdämmerung von Andermatt» titelte unlängst der «Tages-Anzeiger». Wie erleben Sie den Wandel?
Bernhard Russi:
Die Sache wird zum Teil übertrieben dargestellt. Die «Götterdämmerung» ist für mich in erster Linie ein grosses Planungsprojekt für den Endausbau einer neuen Feriendestination. Das Projekt von Andermatt Swiss Alps ist ja im Grunde einfach eine Zonenplanänderung, die den Bau von Hotel- und Freizeitanlagen ermöglicht und neue Gewerbezonen erschlossen hat.

Das tönt nun aber reichlich bürokratisch.
Nun, mit der Umzonung des Militärgeländes hat nun einmal alles angefangen. Klar, am Anfang brauchte es die Idee und Vision für eine neue Feriendestination. Sie kam vom ägyptischen Tourismusunternehmer Samih Sawiris. Er finanziert ja auch den Ausbau. Ohne dieses Geld wäre gar nichts möglich gewesen. Nur schon die Planung eines so grossen Projekts wäre für Andermatt alleine finanziell nicht tragbar gewesen. Die nun laufende bauliche Umsetzung, ja, die bringt Andermatt natürlich schon wirtschaftliches Wachstum. Das als Götterdämmerung zu bezeichnen, scheint mir aber übertrieben.

Und wieso musste zuerst ein Mann vom Schlage eines Samih Sawiris kommen? Es war doch schon vor 2007 klar, dass Andermatt touristisch die Entwicklung verschlafen hatte.
Das Problem bei einem Tourismusprojekt unserer Grössenordnung ist, dass es keine Bank gibt, die es finanzieren würde. Herr Sawiris dagegen investierte gleich zu Beginn einige Millionen Franken in die Infrastruktur. Das war nötig, denn man kann nicht 30 Häuser bauen, ohne zuvor Strassen, Leitungen und andere Infrastruktur gebaut zu haben. Diese Arbeiten hat Sawiris vorfinanziert. Und jetzt werden die Häuser gebaut.

Sind Sie selbst finanziell am Ausbau auch beteiligt?
Nein.

Unbenannt

Aber haben Sie eine Wohnung gekauft?
Nein, noch nicht. Aber meine Frau und ich überlegen uns, ein Apartment der nächsten Ausbauphase zu kaufen.

Es war immer wieder zu lesen, dass der Wohnungsverkauf nur schleppend vorankomme und dass sogar Handwerker Wohnungen kaufen mussten, um an die Bauaufträge zu kommen.
Wenn Sie vor sieben Jahren Herrn Sawiris gefragt hätten, wann das Ganze fertig sein soll, hätte er keine Antwort geben können. Es gab und gibt keinen fixen Zeitplan für den Endausbau. So können wir auch nicht sagen, dass wir mit dem Wohnungsverkauf hinter dem Zeitplan liegen. Das ist vielmehr das Empfinden von sogenannten Experten. Die sahen, dass wir im vergangenen Jahr 10 Wohnungen verkauft haben. Das kam ihnen offenbar als wenig vor, weil wir insgesamt 400 Wohnungen verkaufen wollen. Dass ein Unternehmer, der um einen Auftrag buhlt, sagt, er würde eine Wohnung kaufen, entspricht gängiger Praxis. Ich finde das absolut legitim.

Wie viele Wohnungen sind denn per heute verkauft?
60 Prozent der bereits erstellten Wohnungen sind verkauft.

Sind Sie damit zufrieden?
Ich erachte das als normalen Fortschritt.

Und wer kauft denn nun wirklich? Zu Beginn war ja mitunter zu hören, dass vor allem gut betuchte Russen und Ägypter angesprochen werden sollten.
Das ist frei erfunden. Es war nie unsere Absicht, ein Russenresort zu bauen. Im Gegenteil: Wir wollen eine gut durchmischte Käuferschaft.

Wie sieht die aktuelle Besitzerstruktur aus?
Mehr als die Hälfte der Wohnungseigentümer sind Schweizer. Relativ stark vertreten sind zudem die Engländer. Insgesamt stammen rund 95 Prozent der Käufer aus Europa.

Und wieso hat Andermatt den touristischen Ausbau so lange verschlafen?
Wir lebten in den letzten 50 Jahren von einer Mischform aus Militär und Tourismus. Die Schweizer Armee war für uns ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Sie zahlte Schiessplatzgebühren und die Soldaten konsumierten. So wurden Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen, was für die Gemeinde wichtig war. Und weil das Militär in der Wirtschaft von Andermatt eine so tragende Rolle spielte, konnte und musste sich der Tourismus nie so stark entwickeln, dass man ihn als modern und funktionell hätte bezeichnen können. Wir haben in Andermatt mit dieser Situation ganz gut gelebt.

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Also hat das Militär die touristische Entwicklung blockiert.
Das war sicher so. So hatten wir denn beispielsweise während 50 Jahren auch nie die Kraft gefunden, ein Hallenbad zu bauen. Es fehlten schlicht die Macher.

Mit Sawiris ist nun aber der touristische Visionär ins Tal gekommen. Wie konnte er Sie für den Verwaltungsrat von Andermatt Swiss Alps gewinnen?
Samih hat mich 2007 schon zur zweiten Sitzung eingeladen. Aber ich war nicht sofort Feuer und Flamme für eine aktive Mitarbeit. Andermatt war für mich mehr eine Art Oase, wo ich mich zurückziehen und Energie auftanken konnte. Es wurde mir aber klar, dass ich als Bürger von Andermatt sowieso mit dem Ausbauprojekt ständig konfrontiert sein würde – ob ich nun im Verwaltungsrat von Andermatt Swiss Alps sein würde oder nicht. Und als Verwaltungsrat kann ich mein Wissen direkt einbringen.

Was ist Ihre Rolle in diesem Gremium?
Ich verstehe mich als Sportberater. Andere Vertreter sind Experten in Finanz- und Tourismusfragen. Ich bringe meine Ideen ein, wenn es um die Planung und den Ausbau des Golfplatzes, der Skipisten, der Wanderwege oder der Biketrails geht. Hier kann ich ein Wörtchen mitreden. Ich masse mir aber nicht an, einzig und allein die richtigen Ideen zu haben.

Als Pistenbauer sind Sie international gefragt. Trägt auch der Ausbau des Skigebiets in Richtung Oberalppass, der Andermatt mit Sedrun verbinden soll, Ihre Handschrift?
Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ich war daran beteiligt, zusammen mit anderen Leuten. Es liefen aber nicht alle Talbewohner von Anfang an auf der gleichen Schiene. Ich war für den Ausbau des Oberalpgebietes, für die Verbindung ins Bündnerland, obwohl ich als Skifahrer persönlich den Gemsstock bevorzuge: Er ist steiler, hat den besten Pulverschnee und mehr Varianten. Aber touristisch gesehen ist es vernünftig, dass wir das sonnigere, einfachere und familienfreundlichere Gebiet in Richtung des Oberalppasses erschliessen.

Vor kurzem hat der Ausbau endlich grünes Licht erhalten. Das hat sich lange hingezögert. Im Dorf hört man, auch Franz Steinegger, der ehemalige Urner FDP-Nationalrat und Parteipräsident, habe gebremst.
Die Verzögerungen hatten zwei Gründe: Man war sich im Urserental nicht einig darüber, welchen Ausbauplan man umsetzen sollte. Die damalige Betreiberfirma der Bergbahnen, die Andermatt Gotthard Sportbahnen AG, der Franz Steinegger als Verwaltungsratspräsident vorstand, liess sich nicht blindlings auf unsere Pläne ein.

Was war das Problem?
Die bestehenden Bergbahnen waren der alten Art eines einfacheren Tourismus verpflichtet. Damit machten sie aber in den vergangenen Jahren jährlich bis zu rund 500’000 Franken Verlust. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass man mit Investitionen von 260 Millionen Franken das Geschäft zum Laufen bringen könnte. Eine Einigung wurde erst erzielt, als Sawiris die Bergbahnen 2012 kaufte, was ich ihm übrigens schon von Anfang an empfohlen hatte. Neben diesen, sagen wir hausinternen Problemen, kam es aber auch systembedingt zu Verzögerungen.

Wieso?
In der Schweiz kann man nicht einfach planen und bauen, auch wenn wir bei Andermatt Swiss Alps uns das so gewünscht hätten. Die Bewilligungsverfahren sind aufwendig, zeitraubend und kompliziert. Mögliche Einsprachen aus allen Richtungen sind ein anhaltendes, kostspieliges Damoklesschwert über dem Gesamtprojekt. Der Bund hat unser Projekt nun zwar genehmigt. Damit verbunden waren aber auch 1500 Auflagen. Und für jede einzelne Auflage braucht es Experten und spezielle Studien.

Die Auflagen betrafen vor allem den Umweltschutz?
Mehrheitlich. Auch für uns alle verständlich! Zum Teil waren sie aber auch ein wenig absurd: Die Mastenfundamente zum Beispiel sollten mit einem Bruchsteinmauerwerk eingekleidet werden! Dabei bauen wir das Skigebiet ja nicht in eine unberührte Landschaft. Zuvor befand sich dort ein Militärschiessgelände, und es liegen Hunderttausende abgefeuerte Granaten und Metallsplitter herum. Die Landschaft ist schon lange auch durch Zufahrtswege oder Seilbahnen erschlossen und teilweise unterirdisch zu Militärzwecken ausgehöhlt.

Sie verstehen die Anliegen des Landschaftsschutzes nicht?
Bis zu einem gewissen Grade kann ich sie verstehen. Ich finde, dass die Naturschutzbewegung nach den Sünden der 1970er-Jahre berechtigt war. Aber irgendwo hat auch der Schutz der Natur seine Grenzen. Bei uns geht es um die Zukunft. Als das Militär wegzog, gingen ca. 300 Arbeitsplätze verloren. Das Militär brauchte Schlosser, Mechaniker und Elektriker und bildete diese aus. Das fehlt uns heute.

Aber wenn man durchs Dorf geht, wird heute an allen Ecken und Enden gebaut und geschraubt: Andermatt wird totalsaniert.
Das Engagement von Sawiris hat tatsächlich etwas ausgelöst. Ich schätze, dass Einheimische selber auch nochmal rund 50 bis 100 Millionen Franken in Sanierungen und neue Bauten investiert haben. Wir machen Andermatt fit für den Tourismus. Dabei geht es für uns und unsere Nachkommen aber um die wirtschaftliche Existenz. Touristisch müssen wir ein überdurchschnittliches Niveau erreichen, wenn wir überleben wollen.

Aber kein zweites St. Moritz?
Nein, das können und wollen wir nicht. Wir haben mit dem Chedi-Hotel zwar ein 5-Sterne-Haus. Aber es kann nur 200 Gäste aufnehmen. Und wir wollen im Endausbau 4000 bis 4500 Gäste hier oben beherbergen können. Uns schwebt ein ehrlicher, schnörkelloser Tourismus vor, für Leute, die das Bergabenteuer und die sportliche Herausforderung suchen oder sich bei Wanderungen vom hektischen Stadtalltag erholen möchten.

Mit einem neuen Golfplatz will man in Zukunft die Touristen auch vermehrt im Sommer anlocken. Sie haben einen 18-Loch-Platz gebaut, der 2016 offiziell eröffnet wird. Mit dem Golfclub Andermatt Realp verfügt die Region aber schon über einen Golfplatz.
Golf ist ein Spezialfall im Urserental. Wie Sie sagen, haben wir bereits den Golfclub Andermatt Realp, der einen 9-Loch-Platz betreibt. Ich bin der Präsident dieses Clubs. Daneben gibt es den neuen 18-Loch-Platz von Andermatt Swiss Alps. Von der Besitzerstruktur sind die beiden Plätze voneinander unabhängig. Der Realp-Golfbetrieb ist im Besitz der Gotthard Golf AG. Der Golfplatz Andermatt gehört Andermatt Swiss Alps, die keinen eigenen Golfclub betreibt.

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Also haben die beiden Plätze überhaupt nichts miteinander zu tun?
Doch, hinsichtlich Spielberechtigung haben wir die beiden Plätze fusioniert. Beim Golfclub Andermatt Realp kann man eine Spielberechtigung für den 9-Loch-Platz oder eine für beide Plätze beantragen.

Zwei Plätze für ein Tal, ist das nicht ein bisschen viel?
Im Gegenteil. Wir wollen aus Andermatt eine Golfdestination machen. Als solche sollten wir in der Hochsaison 200 bis 300 Golfspieler pro Tag haben. Das ist nicht viel für eine Destination, die im Endausbau 4000 bis 4500 Betten zur Verfügung stellen wird. Schon mit 200 Golfern pro Tag reicht ein 18-Loch-Platz aber nicht mehr. Mit 160 Golfern lässt es sich noch angenehm spielen. Für mehr brauchen wir zwei Plätze.

Der 9-Loch-Platz dient also als Ausweichmöglichkeit?
Genau. Zudem erreicht man über den Furkapass relativ schnell den 9-Loch-Platz in Obergesteln und über den Oberalppass den 9-Loch-Platz in Sedrun. Zusammen gibt das dann das Alpengolf-Feeling.

Alpengolf-Feeling?
Das ist die Marke, die wir derzeit entwickeln. Mit ihr wollen wir Andermatt in Zukunft als Golfdestination vermarkten.

Sie spielen selber auch Golf?
Selbstverständlich.

Und was machen Sie lieber: Ski fahren oder Golf spielen?
Ski fahren, das kann ich! (lacht)

Pistenbauer, Journalist und neuerdings Touristiker
Wenn man Bernhard Russi (67) nach seiner beruflichen Haupttätigkeit fragt, erntet man ein verschmitzt-verlegenes Lächeln: «Ich habe schon mehrere Hüte auf.» Der zweimalige Abfahrtsweltmeister und Olympiasieger baut heute für den internationalen Skiverband Pisten. Derzeit in Südkorea. Die Strecke soll erstmals im Februar 2016 für ein Weltcuprennen benutzt werden. Daneben ist Russi als Co-Moderator bei Skiübertragungen des Schweizer Fernsehens tätig. Journalistisch auf Trab hält ihn zudem seit Jahren eine «Blick»-Kolumne, allerdings nicht, weil er sich zum Schriftsteller berufen fühle. «Ich schreibe nur dann, wenn ich wirklich etwas zu sagen habe», so Russi. Natürlich geht es dann um den Skisport. Und seit 2008 ist er eben auch Verwaltungsrat von Andermatt Swiss Alps, der Gesellschaft von Samih Sawiris, die aus dem einstigen Militärort Andermatt eine Winter- und Sommertourismusdestination bauen will. Russi selber lebt seit eh und je im Hauptort des Urserentals. (fhm)

Gastbeitrag von Marc Fischer, Chefredaktor Leodan.ch
Die Publikation des Interviews erfolgt mit freundlicher Genehmigung von leodan.ch

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