Samih Sawiris: „Wenn es so weitergeht, bin ich bald im Paradies“

Der Investor über den Besuch des ägyptischen Präsidenten in Berlin, die Probleme in seinem Heimatland und den Erfolg mit dem „Chedi“ in Andermatt.

Samih Sawiris, in Ägypten wurden in den letzten Wochen zahlreiche Menschen zum Tode verurteilt. War es richtig, dass die deutsche Regierung am Mittwoch den ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi empfangen hat?
Samih Sawiris: Absolut. Ich kann die Kritik, die im Vorfeld des Staatsbesuches laut wurde, nicht nachvollziehen. Es bringt doch viel mehr, wenn man sich in einem freundschaftlichen Verhältnis in die Augen blickt und Klartext spricht, als wenn man einander ignoriert. Nur so kann man etwas bewegen.

Welche Bilanz ziehen Sie nach dem Besuch? Hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel einen guten Job gemacht?
Sawiris: Ich finde das Verhalten von Frau Merkellobenswert. Sie hat nicht einfach den Applaus gesucht. Al-Sisi nimmt viel Kritik mit, Kritik, die er leider zu Hause in dieser Form viel zu wenig zu hören bekommt.

Ägypten braucht Investitionen. Konnte al-Sisi mit seinem Besuch in Berlin wieder Vertrauen schaffen?
Sawiris: Durch den Deal, der Siemens einen Rekordauftragvon 8 Milliarden Euro für Wind- und Solarkraftwerke bringt, wurde Ägypten wieder hoffähig.

Aber damit ist noch keine Konstanz erreicht.
Sawiris: Das ist der entscheidende Punkt. Der Schlüssel dazu liegt in der ägyptischen Verwaltung. Die unsägliche Bürokratie hat schon manches ausländische Investment verhindert. Ägypten macht sich das Leben selber schwer.

Deutschland ist offensiv auf Ägypten zugegangen. Wünschten Sie sich einen solchen Schritt auch von der Schweiz?
Sawiris: Ich würde dies sehr begrüssen. Die Schweiz könnte damit einen wahren Coup landen. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht daran. Die Schweiz drängte sich in solchen Fragen noch nie vor. Vielmehr wird es auch jetzt‘ wieder der Fall sein, dass der Bundesrat abwartet, wie sich alle anderen europäischen Partner verhalten. Ich bedauere dies sehr, denn die Schweiz hätte Ägypten einiges zu bieten. Sie ist ein Vorbild in Demokratie, und es wäre für die Schweiz auch wirtschaftlich interessant.

Der Tourismus spielt in Ägypten eine sehr wichtige Rolle. Sind Sie mit der aktuellen Entwicklung zufrieden?
Sawiris: Ganz und gar nicht. Diese Reisewarnungen sind inakzeptabel. Sie dienen schon längst nicht mehr nur der Sicherheit der Touristen, sondern über sie wird auch Politik betrieben. Die Reaktionen nach den Attentaten in Tunesien oder Kenia fielen nie so heftig aus wie nach dem Selbstmordattentat im Sinai-Gebiet. Für mich ist klar, dass man damit Druck auf die ägyptische Regierung ausüben will. Doch dies bringt nichts. Mit einer solchen Massnahme bestraft man in erster Linie die Bevölkerung. Und davon wiederum profitieren nur die Extremisten. In Ägypten sind heute viele Leute dem Westen nicht mehr wohlgesinnt.

Der neue ägyptische Tourismusminister Khaled Ramy will die Zahl der Touristen von heute 14 Millionen bis ins Jahr 2020 auf 20 Millionen im Jahr erhöhen. Mit Verlaub: Legt er damit die Latte nicht ein wenig zu hoch?
Sawiris: Träumen darf man ja. Aber das ist typisch für Ägypten. Statt Schritt für Schritt vorzugehen, schwebt man lieber in einem Luftschloss. Ägypten fehlen die für einen solchen Zuwachs notwendigen Hotels. Zudem müssten die Flughäfen endlich privatisiert werden. Bevor wir nicht Massnahmen getroffen haben, sollten wir uns nicht solch unrealistischen Zielen hingeben.

Ende Oktober sollen die Subventionen für Charterflüge nach Hurghada und Scharm EI-Scheich fallen. In der Schweiz sorgt dies bei Reiseanbieternfür rote Köpfe. Auch bei Ihnen?
Sawiris: Die Charter-Subventionen sind ein fantastisches Instrument, das Ägypten erfunden hat. Aber im Falle von Hurghada und Scharm EI-Scheich finde ich es richtig, dass diese Zahlungen eingestellt werden. Solche Subventionen sind nur dann sinnvoll, wenn sie dort eingesetzt werden, wo man wirklich was anstossen kann. Man soll aber nicht Flüge in Gebiete finanziell unterstützen, die eh schon viel besucht werden. Das ist Geldverschwendung.

Die Reisebüros in der Schweiz sind erbost: Die Swiss will von ihnen künftig eine Buchungsgebühr von 16 Franken verlangen. Haben Sie Verständnis für den Schritt der Swiss?
Sawiris: Man kann es niemandem verübeln, wenn er versucht, mehr Geld zu verdienen. Persönlich bin ich allerdings nicht begeistert von der Gebühr. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Rechnung für die Swiss aufgehen wird. Wenn beispielsweise Edelweiss für Ägypten einen zusätzlichen Flug ins Pro- gramm aufnimmt, könnte die Swiss das Nachsehen haben.

Im Frühling haben Sie Ihr Interesse am Reisegeschäjt von Kuoni signalisiert. Laufen die Gespräche noch?
Sawiris: Nein. Sollte es aber für Kuoni schiefgehen, dann gibt es für uns vielleicht eine Möglichkeit, auf einer anderen Basis einzuspringen.
Können Sie ein wenig konkreter werden?

Sawiris: Sie müssen entschuldigen. Ich darf dazu nicht konkreter werden. Ich kann nur so viel sagen. Wenn bei Kuoni trotz zahlreicher Interessenten alle Stricke reissen, können die Verantwortlichen auf uns zukommen.

Kommen wir noch auf Andermatt und Ihr Resort im Urner Feriendorf zu sprechen. Die Schöllenenschlucht ist für den Autoverkehr gesperrt. Wie stark trifft Sie dies?
Sawiris: Wir bekommen das natürlich zu spüren. Der Durchgangsverkehr hat uns die eine oder andere Übernachtung beschert und vor allem für ein volles Restaurant gesorgt. Damit können wir vorderhand nicht rechnen. Doch der Schaden hält sich in Grenzen. Ärgerlich ist nur, dass wir erst vor kurzem einen tollen Start mit unserem japanischen Restaurant im «Chedi» hingelegt hatten. Aber wissen Sie, was das Schlimmste ist?

Sagen Sie es mir.
Sawiris: Dass einige Medien ein Drama daraus machten. Es ist nicht so, dass Andermatt nicht mehr erreichbar wäre. Es gibt ja immer noch die Zugsverbindung. Man kann das Auto direkt beim Bahnhof Göschenen parkieren und bequem in den Zug steigen. Die Fahrt dauert dann nur ein paar Minuten. Doch wissen das nur die wenigsten. Dies zu kommunizieren, würde mich zu viel Geld kosten. Deshalb hoffe ich, dass die Probleme bald gelöst sind.

Ärgert Sie das nicht ein wenig? Schliesslich haben Sie zuletzt mit dem «Chedi» erstmals Geld verdient. Nun droht Ihnen der Felssturz einen Strich durch die Rechnung zu machen.
Sawiris: Ich bin wirklich sehr optimistisch, dass unsere Bilanz für dieses Jahr besser ausfallen wird als jene im Vorjahr. Und wenn es mitAndermatt 2016 so weitergeht, bin ich schon fast im Paradies. (lacht)

Wie läuft es denn heute mit dem «Chedi».
Sawiris: Wu sind mindestens 40 Prozent besser dran als im letzten Jahr. Das wirkt vielleicht beeindruckend. Aber man darf nicht vergessen, dass wir von weit hinten gekommen sind. Die Vorjahre haben extrem wehgetan.

Ihre Rechnung scheint aber jetzt auf- zugehen.
Sawiris: Das tut sie. Aber wir werden, auch wenn dieses Jahr erfolgreich sein wird, noch keine Dividende ausschütten können.

Das heisst, das «Chedi» in Andermatt funktioniert.
Sawiris: Das tut es. Aber das «Chedi» alleine genügt nicht. Diese Destination braucht ein weiteres Hotel, welches wir jetzt auch bauen. Und Andermatt braucht neue Skianlagen. Wir werden schon bald die definitive Baubewilligung erhalten. In ein paar Jahren wird Andermatt ein anderer Ort sein.

Der Investor
ZUR PERSON red. Samih Sawiris (58) ist ägyptischer Unternehmer, Chef der Orascom Development Hol- ding. In der Schweiz realisiert er das Tourismusprojekt in Ander- matt, zu dem auch das Luxushotel Chedi gehört. Orascom ist ein führender Entwickler von integrier- ten Ortschaften und Städten. Die- se umfassen nach Angaben des Unternehmens Hotels, Privatvillen, Wohnungen, Freizeiteinrichtungen wie etwa Golfplätze und Jacht- häfen, aber auch unterstützende Infrastruktur.

32 Hotels, 7487 Zimmer
Nebst dem Resort in der Schweiz umfasst das Angebot von Orascom Development Destinationen in weiteren sieben Ländern (Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate, Jordanien, Oman, Marokko, Montenegro, Grossbritannien). Die Gruppe betreibt aktuell acht Städte: EI Gouna, Taba Heights, Haram City und Makadi in Ägypten, The Cove in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jebel Sifah und Salalah Beach in Oman sowie Andermatt in der Schweiz. Der Gruppe gehören 32 Hotels mit 7487 Zimmern. Der Hauptsitz der Gruppe ist seit März 2008 in Altdorf. Die Aktie ist an der Schweizer und an der ägyptischen Börse kotiert, die Notierung an der Schweizer Börse ist dabei die Primärkotierung.

Zentralschweiz am Sonntag, Sonntag, 7.Juni 2015

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archiv

Kategorien

IMPRESSUM

Kontakt: Kontakt@bergstimme.ch Bergstimme Online Media Redaktion: Sarah Keller sk, Astrid Staub as, Erich Nager en, Kevin Obschlager ko, Webdesign by Bergstimme.ch ©2013 Auszug aus dem Redaktionsstatut: Bergstimme ist eine neutrale Website/Online Zeitung, unabhängig von politischen, konfessionellen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und anderen Interessengruppen. Bergstimme konzentriert sich vornehmlich auf Geschehnisse der Gotthardregion und die angrenzenden Regionen . Bergstimme ist nur dem Interesse der Leserschaft verpflichtet.