Verantwortung für den Skibetrieb liegt in seinen Händen

Pisten- und Rettungschef hofft auf eine baldige Umsetzung der Skiegebietsverbindung

Carlo Danioth ist in seine 25. Wintersaison in Andermatt gestartet. Der Pisten- und Rettungschef erzählt von Erlebnissen, Gefahren und Veränderungen in seinem Job.

Martina Regli

Eine Stimme tönt aus dem Funkgerät, das auf der Brust von Carlo Danioth ruht. Er senkt den Kopf und hört auf­merksam zu. Dann drückt er einen Knopf. «Nein, heute stellen wir keine Sicherungsnetze auf», antwortet Carlo Danioth der Funkstimme. Es ist Mitt­woch‘ 4. Dezember, 8.30 Uhr. Am Gernsstock werden Temperaturen um den Nullpunkt gemessen. Unten im Tal in Andermatt herrschen frostige minus 8 Grad Celsius. «Eine Inversionslage, die schon einige Tage andauert. Das gibt es nicht sehr oft über eine so lange Zeit», sagt Carlo Danioth. Er kennt das Wetter in Andermatt genau. Er ist Fach­mann in Sachen Schnee. Das muss er in seinem Job auch sein. Denn der 46-Jährige muss entscheiden, ob und wann seine Leute in lawinengefährdeten Hängen arbeiten dürfen. Er entscheidet auch, welche Pisten für die Schneesportfans freigegeben werden können. Carlo Danioth ist der Pisten- und Rettungschef im Skigebiet von Andermatt. 43 Mitarbeitende hat er unter sich. «Das ist eine sehr grosse Verantwortung. Ich habe gelernt, damit umzugehen.»

Als Erster auf der Piste
Vor wenigen Wochen ist Carlo Dani­oth in seine 25. Wintersaison am Gemsstock gestartet. Seit 19 Jahren ist er Pisten- und Rettungschef. Sein treuster Begleiter ist sein Funkgerät. Auf dieses Gerät ist er an­gewiesen, wenn er morgens als Erster ins Gelände geht, um die Situation am Berg zu beurteilen. «Wenn ich mor­gens aus dem Haus gehe weiss ich oft nicht, was auf mich zukommt – die Natur macht was sie will.» Die Natur ist sein Chef, sagt Carlo Danioth oft. Man müsse ihr mit Respekt begegnen und dürfe nichts erzwingen.
seine erste Fahrt unternimmt Carlo Danioth jeweils auf der Sonnenpiste – bei gutem Wetter ist dies um 7.30 Uhr, bei schlechtem zwischen 4.00 und 5.00 Uhr. «Auf der Sonnenpiste sehe ich ge­nau, wie sich der Schnee in der Nacht verhalten hat.» Er sieht es an den Schneewehen, am liegenden Schnee im St-Anna-Hang, und er sieht es am Wind. Erst dann, wenn sich der Pisten­ und Rettungschef sicher ist, dass keine Gefahr besteht, schickt er seine Mit­arbeiter ins Gelände zur Lawinensicherung – mit Skiern unter den Füssen und Sprengstoff im Gepäck ziehen sie los. Ein nicht ungefährlicher Job. Seit einigen Jahren werden am Gemsstock aber laufend Fernsprenganlagen er­stellt, die ein Sprengen vom Computer aus ermöglichen. «Dadurch ist unsere Arbeit sicherer geworden. Es werden aber noch weitere Anschaffungen nötig sein, denn nach wie vor wird das meiste von Hand gesprengt.»

Natur fordert Opfer
Die Natur kann aber nicht immer ge­bändigt werden – manchmal fordert sie auch ihre Opfer. Das schlimmste Ereignis in seiner Zeit als Pisten- und Rettungschef war ein Lawinenun­- glück 1997, bei dem einer seiner Mit­arbeiter ums Leben kam. Die Trauer, die zutiefst erschütterte Familie und dann auch noch ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung. «Es gibt immer ein Verfahren bei solchen Unglü­cken», erklärt Carlo Danioth. In die­sem Fall wurde er freigesprochen – auch bei allen anderen Fällen, bei denen Wintersportier abseits der Pis­ten tödlich verunfallten. «Zum Glück ist bisher noch nie eine Lawine mit Folgen für die Wintersportler auf unsere geöffneten Pisten niedergegangen.» Davon blieb er in all den Jahren als Pisten- und Rettungschef ver­schont. «Dies verdanke ich vor allem auch meinem tollen Team.»

Freeriden boomt
Unfälle abseits der Pisten gibt es aber leider immer wieder. Das Varianten­ fahren ist im Trend – vor einigen Jah­ren waren es die Sn0wboarder, heute sind es die Freeskier; die ihre Kurven auf die weissen Hänge zeichnen, «Das Freeriden hat in den letzten Jahren stark zugenommen», beobachtet Carlo Danioth. Der Gemsstock gilt heute als Freeride-Paradies. Grundsätzlich würden sich die Fahrer an die Regeln halten und auch Wildruhezonen res­pektieren. «Die Leute informieren sich über die Schneesituation. Aber letztlich sind sie selbst verantwortlich. Da können wir nichts machen.» Wenn aber die Meldung eines Lawinenniedergangs eintrifft, müssen Carlo Dani­oth und sein Team ausrücken – oftmals in Zusammenarbeit mit der Rega. «Das ist sehr hektisch, denn es geht um Zeit.» Es geht aber auch darum, die eigenen Leute nicht unbedacht in ein gefährdetes Gebiet zu schicken. In die-­ sen Momenten muss Carlo Danioth Ruhe bewahren. Manchmal können so Leben gerettet werden. «Das sind dann schöne Momente.» Trotz oft schwerer Unfälle – gegen das Freeriden hat der Rettungschef nichts. Im Gegenteil: Auch er selbst fährt gerne abseits der Pisten – «am liebsten im Älpetlital».

Kennt jeden Winkel
An diesem Mittwochmorgen bleibt Carlo Danioth auf der Piste. Er startet auf dem Gipfel und zieht zwei, drei Kurven durch den Schnee, der wie ein Teppich unter den Skiern liegt. Dann stoppt er. Ein Patrouilleur meldet sich via Funk und spricht zu einem Arbeits­kollegen. Carlo Danioth hört zu, ant­wortet aber nicht. Sein Blick schweift in die Ferne. In seiner jahrelangen Tätigkeit am Berg hat er jeden Winkel am Gemsstock kennengelernt. «Das ist von Vorteil in meinem Job», sagt er mit einem Schmunzeln. Vieles habe er in der Bergführerausbildung gelernt. «Das meiste eignet man sich aber bei der Arbeit an.»
Er zeigt auf einen nackten Felsen. „vor einigen Jahren reichte der Glet­scher noch bis dort.“ Carlo Danioth und sein Team versuchen, durch das Abdecken mit einem Vlies den Glet­-scherschwund zu verlangsamen. «Die Ergebnisse sind gut. Wir können den  Gletscher punktuell erhalten», erklärt er. Der Gletscherschwund hat aber auch etwas Gutes: Gletscherspalten, die ein ganzes Pistenfahrzeug ver­schlingen können, gibt es nicht mehr.

Mehr Schneeerzeuger nötig
Der Gletscherschwund konnte am Gemsstock verlangsamt werden. Trotzdem ist er nicht mehr der schnee­sichere Berg, als den er früher galt. An­dere Skigebiete haben massiv mit Schneeerzeugern aufgerüstet und neh­men den Betrieb immer früher auf. Hier hinkt Andermatt nach, ist Carlo Danioth sicher. Einige Schneeerzeuger konnten zwar in den letzten Jahren angeschafft werden. Doch das reicht nicht: «Auf dem Nätschen haben wir überhaupt keine Schneeerzeuger. Und auch am Gurschen, insbesondere ent­lang der Talabfahrt, wären solche Anlagen von grossem Nutzen», so Carlo Danioth. Denn die Skianlagen können noch so modern sein – «ohne Schnee sind sie nichts wert».

Nie grosse Masse am Gemsstock
Das Funkgerät ist stumm. Jetzt klingelt das Telefon. Ein Junioren-Skiteam will am Nachmittag auf der Gursehenalp trainieren. «Kein Problem, es hat noch Platz», spricht Carlo Danioth in sein iPhone. Gäste gelangen oft mit Anlie­gen aller Art an ihn. Auch Medienan­fragen häufen sich in letzter Zeit. Grund ist die geplante Skigebietserwei­terung. «Diese Verbindung ist wichtig für das breite Publikum. Der Gems­stock wird aber auch künftig nicht die grosse Masse anziehen. Und das ist gut so.» Carlo Danioth wird oft zu den Ausbauplänen angesprochen – nicht alle Stimmen sind positiv. «Weil noch immer nicht gebaut wird.» Im nächsten Winter müsse der Ausbau endlich starten, «sonst glauben es die Leute ir­gendwann nicht mehr.» – Im Rahmen des Zusammenschlusses mit Sedrun hätte Carlo Danioth seinen Arbeitsbe­reich in der Geschäftsleitung erweitern können. Doch darauf verzichtete er. «Ich mache meinen Job sehr gerne, und ich will ihn richtig machen. Das geht nicht, wenn ich noch andere Tä­tigkeiten ausübe. Ein Rauschen ertönt auf Carlo Danioths Brust. Wenn dieses Funkgerät all die Geschichten erzählen könnte – all die Jahre an seiner Seite.

Jüngster Pisten- und Rettungschef
Erstmals als Mitarbeiter ins Skige­biet in Andermatt kam Carlo Dani­oth im Winter 1989/90. Der gelern­te Mechaniker wollte in der Natur arbeiten – und er wollte in Ander­matt bleiben. Zunächst war er nur im Winter im Skigebiet tätig. Spä­ter erhielt er eine Festanstellung. Und seit 1995 ist er als Pisten- und Rettungschef für den Gemsstock und den Nätschen zuständig. Mit 28 Jahren war Carlo Danioth einer der jüngsten, der diesen Job dort je ausgeübt hatte. «Es geschah von einem Tag auf den andern. Zeit zum Überlegen hatte ich nicht», erzählt er. Sein Vorgänger war vier Jahre Pisten- und Rettungschef – weil die Chemie mit der Geschäfts­leitung nicht stimmte, ging er. Carl0 Danioth rutschte nach und ist seither für die Lawinensicherung, Pistenpräparation, Beschneiung, den Maschinenunterhalt (Pisten Maschinen) und die Rettung ver­antwortlich. (mr)

Bild Quelle: Bergtstimm.ch

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