Schleudersitz Tourismusbüro

Neue Urner Zeitung Samstag, 24. November 2012

PERSONAL: Tourismusorganisationen wechseln überdurchschnittlich häufig ihre Chefs aus. Experten fordern nun eine professionellere Auswahl der Kandidaten.

Die Hauptgründe für die schnellen Wechsel im Tourismus:

  • Unprofessionelles Auswahlverfahren
    Statt Personalprofis übernehmen oft Vorstand oder Verwaltungsrat aus Spargründen den Selektionsprozess.
  • Überforderung
    Gerade kleine und mittlere Orte setzen häufig auf junge und unerfahrene Kandidaten.
    Unklare Kompetenzen
    Die Zuständigkeiten zwischen Vorstand/Verwaltungsrat und Tourismusdirektor sind nicht klar abgegrenzt. Das begünstigt Konflikte.
    Unzufriedenheit
    Tourismusdirektoren scheitern daran, die vielfältigen Anliegen der zahlreichen Interessengruppen eines Ortes unter einen Hut zu bringen.

Tourismusorganisationen sind wie Fussballklubs. Ihre operativen Chefs -Direktoren oder Trainer – sitzen allzu oft auf dem Schleudersitz. Sobald es rumort, die Gästezahlen oder Resultate nicht stimmen, werden sie rasch hinterfragt, kritisiert und teilweise richtiggehend aus dem Amt gemobbt. Die öffentliche Meinung – sei es in der Stammkneipe des Ferienorts oder in den Sportgazetten – tut das Ihre dazu.

Vergleich zur Fussballbranche
Ganz so extrem wie im Fussball – nehmen wir als Beispiel den FC Sion, der in 12 Jahren nicht weniger als 33 Mal den Trainer gewechselt hat – ist es im Tourismus allerdings dann doch nicht. Trotzdem ist die Fluktuation auch bei Tourismusorganisationen überdurchschnittlich hoch, wie eine Studie des Instituts für Tourismuswirtschaft (ITW) der Hochschule Luzern schon vor einigen Jahren festgestellt hat. Zwischen 1993 und 2007 habe sich die durchschnittliche Vertragsdauer eines Tourismusdirektors oder einer Tourismusdirektorin von durchschnittlich acht auf sechs Jahre verringert, sagt der ITW-Leiter, Professor Urs Wagenseil. «Auffällig ist vor allem, dass seit Beginn der Erhebungen bis heute die Quote der Kurzengagements von drei bis fünf Jahren massiv zugenommen hat.»

Aktuelles Beispiel aus Engelberg
Aktuellere Beispiele gibt es zuhauf. In Bergün machte Tourismusdirektor Stefan Steiner vor kurzem nach nur knapp drei Jahren schon wieder Schluss und wechselte zu Appenzellerland Tourismus. Oft geht es noch viel schneller. Sedrun Disentis Tourismus und Direktor Stefan Hantke haben sich per Ende Oktober nach nicht einmal zwei Jahren schon wieder getrennt. Als Direktorin von Zürich Tourismus hielt sich Marlis Ackermann gerade mal 17 Monate im Amt. Und im Jahr 2009 lief für Nicole Zweifel die Uhr als Tourismuschefin von Engelberg sogar nach nur sieben Monaten ab. Bei allen genannten Beispielen erfolgte die Trennung im Unfrieden.

Finanzausstattung verbessern
Um Fehlbesetzungen und häufige Personalwechsel zu vermeiden, müssen Tourismusorganisationen laut Urs Wagenseil aus Fehlern die richtigen Konsequenzen ziehen. Wesentlich sei eine saubere Analyse der Gründe einer vorzeitigen Trennung. Für den Prozess der Neubesetzung empfiehlt er unter anderem eine professionelle Selektion der Kandidaten, eine langfristige Ausrichtung des Engagements und einen ehrlichen und transparenten Umgang der Vorstände/Verwalrungsräte mit der Führungsequipe der Tourismusorganisation. Wichtig sei zudem eine Verbesserung der finanziellen Situation von Tourismusorganisationen. «Das hilft, um auch wirklich kompetentes Personal anstellen zu können», sagt Wagenseil.

Empfehlungen finden kein Echo
Seine Kernbotschaft betrifft die Verbesserung der Selektionsprozesse. «Neueinstellungen von Tourismusdirektoren müssen viel besser vorbereitet werden. HR-Profis sollten eigentlich immer herangezogen werden.» Obschon die Erkenntnisse der ITW-Studie schon ein paar Jahre alt sind, blieben sie von den Tourismusorganisationen bislang weitgehend unbeachtet.
Zwingend notwendig wäre derweil die Professionalisierung. In Zeiten der beissenden Währungsproblematik brauchen Schweizer Tourismusorte mehr denn je die besten Leute, um kompetitiv zu bleiben. In manchen Fällen wäre von den Vorständen und Verwaltungsräten trotz öffentlichem Druck auch etwas mehr Geduld gefragt mit dem operativen Personal. So wie im Fussballgeschäft.

ROBERT WILDI
wirtschaft@luzernerzeitung.ch

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